Da ist es wieder, dieses ungute Gefühl. Es ist eine Mischung aus Trauer, Wut und Empörung. Nur schwer lässt es sich in Worte fassen. Nach Frankfurt , nun auch Euskirchen.

Da ist es wieder, dieses ungute Gefühl. Es ist eine Mischung aus Trauer, Wut und Empörung. Nur schwer lässt es sich in Worte fassen. Nach Frankfurt und Bremerhaven, hat es jetzt eine Gemeinde in Euskirchen erwischt.  Ich sage Ihnen, in diesen Freikirchen stimmt was nicht. Es kann doch nicht sein, dass sich gleich 13 Leute auf einmal mit Corona infizieren. Sowas ist kein Zufall. Da wird man die geltenden Regeln etwas lockerer genommen haben, so nach dem Motto: „Wer an Gott glaubt, der wird auch nicht krank“. Man kennt ja, wie diese sonderbaren Christen so ticken. Meinen Sie nicht auch?

Corona Schock in Euskirchen   (Foto: sspiehs3  Pixabay)Corona Schock in Euskirchen (Foto: sspiehs3 Pixabay)

500 Menschen sind in Quarantäne. 1000 Leute werden getestet. Was für ein Aufwand. Das Netz schäumt vor Wut. In den sozialen Medien geht es zur Sache. „Dauerhaft schließen“ fordert da jemand. Ein Anderer ergänzt „So darf es nicht weitergehen. Es muss was passieren, und zwar schnell.“ Bei Facebook ist man sich einige: Solche Sekten werden nicht länger toleriert.

Toleranz – welch ein großes Wort. Wir leben in einem Land, in dem jeder sagen oder schreiben darf, was er denkt, besonders bei Facebook. Selbst Unsinn ist erlaubt und wird nicht bestraft. So kann man sich leicht zum Experten befördern und über Dinge reden, von denen man gar nichts weiß. Das gilt auch für die Presse. Sie hat die Freikirchen und ihre Mitglieder in den letzten Monaten mehrfach an den Pranger gestellt. Differenziert hat sie dabei nicht. Genau das hätte sie aber tun müssen, denn es sind nicht alle Freikirchen gleich. So gibt es Baptisten, Methodisten, Pfingstler und viele mehr. Sie alle in einen Topf zu werfen ist falsch, denn in der Art und Weise ihrer praktizierten Gottesdienste unterscheiden sie sich dann doch.

Die Freikirche ist keine Sekte. Sie war es nie und wird es niemals sein. Im Gegenteil. Sie ist eine anerkannte Religionsgemeinschaft mit über 280.000 Mitgliedern alleine in Deutschland. Sie ist frei von Staat und Landeskirche. Ihr Fundament ist die Bibel und die bewusste Entscheidung ihrer Angehörigen zu Jesus Christus. Aus diesem Grund lehnt sie eine Taufe von Kindern grundsätzlich ab. Man lebt christliche Werte. Innerhalb einer Gemeinde kennt man sich und pflegt ein enges Miteinander.

An die strengen Regeln während Corona hält man sich trotzdem. Anders geht es gar nicht, denn nur so ist ein Gottesdienst überhaupt möglich. Bei den Baptisten in Bremerhaven feiert man die Andacht des Sonntags nun gleich zwei Mal. Man möchte so vielen Menschen wie möglich die Chance geben, die Kirche besuchen zu können, Abstände aber trotzdem einhalten. Das funktioniert nur auf diese Weise. Es sind halt neue Zeiten, in den wir leben.

Natürlich weiß man hier um die Ereignisse in der Pfingst-Gemeinde. Sie waren ein großer Schock. Auch Pastor Janusz Blonski wurde dazu befragt, dabei konnte und kann er sich zu den Vorkommnissen dort gar nicht äußern. „Die Leute verstehen nicht, dass wir zwei verschiedene Kirchen sind“ sagt er.

Die Berichterstattung zu den Vorfällen in den drei Freikirchen findet er schwierig. Oft, seien die Dinge so dargestellt worden, so Janusz, als sei es zu einer Infektion während des Gottesdienstes gekommen. Dem sei aber nicht so gewesen. Das wird auch an den Vorfällen in Euskirchen deutlich. Hier hatten sich 13 Menschen mit Corona infiziert, nicht aber am Sonntag, während der Predigt, sondern bereits im Vorfeld. Bei den 13 Personen handelt es sich nicht um voneinander, fremde Mitglieder, sondern um Vater, Mutter und 11 Kinder aus einer Großfamilie.

Auf Corona positiv getestet wurden sie erst nach dem Kirchenbesuch. Dass, sie an dem Virus erkrankt waren, war ihnen am Sonntag noch gar nicht klar. Manche Artikel hierzu lesen sich nun so, als hätten sich bereits alle 500 Mitglieder der Mennonitengemeinde bei besagter Familie angesteckt. Dies ist so aber nicht richtig. Sie wurden lediglich vorsorglich in die häusliche Quarantäne geschickt. Auch eine hieraufhin veranlasste Schließung einer Schule entspricht nicht der Wahrheit. Sie war bereits schon vorher geschlossen, denn in Nordrhein-Westfalen sind große Ferien.

Dieser Artikel will niemanden angreifen. Er will aber dazu anregen, bestimmte Dinge genauer zu hinterfragen, ehe man sie vorschnell verurteilt und alles glaubt, was einem vor die Nase gehalten wird. Nicht alle Freikirchen sind gleich, nicht alle Menschen haben sich in einem Gottesdienst infiziert. Es ist nicht so, dass in einer freikirchlichen Gemeinde andere Regeln gelten als in der Landeskirche. Im Gegenteil, auch hier greifen strenge Sicherheitskonzepte und Hygienepläne.

Sich in Facebook über bestimmte Kirchen zu erheben und sie als Sekte zu deformieren ist fehl am Platz, hat mit Sachlichkeit nichts zu tun und hilft auch in keiner Weise dagegen die Ausbreitung von Corona zu reduzieren. Im Gegenteil. Es deformiert all jene Christen und all jene Gemeinden, die sich nun schon seit Monaten strickt an die neue Realität halten und den ihnen gestellten Vorgaben nachkommen.

Gastbeitrag von Johannes Voutsinas